Je mehr Menschen sich den städtischen Raum teilen, umso höher wird die Notwendigkeit einer modernen Infrastruktur. Wo wird der Stadtbewohner im Jahr 2050 einen Parkplatz finden? Wie weit wird dieser von Wohnung und Arbeitsplatz entfernt sein? Und wie überwindet er jene sogenannte „Letzte Meile“ bis zum Ziel in der Stadt? Volkswagen entwickelt unter dem Begriff „Micromobility“ zukunftsfähige Konzepte für die urbane Mobilität. Dabei steht „Micro“ für zwei Dimensionen zugleich – Strecke und Fahrzeug. Zum einen fallen die zurückgelegten Strecken innerhalb der Städte eher kürzer aus, was besondere Anforderungen an die Technik stellt. Zum Anderen empfiehlt es sich, aufgrund der engen Straßenverhältnisse, in der Fahrzeugentwicklung kompakte Raumkonzeptezu berücksichtigen.
Das Überraschende: Der Automobilkonzern setzt nicht nur auf Autos. Als integrierter Mobilitätsdienstleister sieht Volkswagen die Zukunft des Individualverkehrs in der Intermodalität. Also darin, ganz unterschiedliche Verkehrsträger ganz individuell und kurzfristig zur Verfügung zu stellen. Die clevere Verbindung dieser Verkehrsträger – auf zwei und vier Rädern mit Anbindung an die Schiene – das ist das Ziel.
Auf vier und zwei Rädern zum Ziel
Wie groß der Bedarf nach solchen Lösungen ist, kann jeder beim heutigen Stadtverkehr sofort bemerken: Auf dem kurzen Weg von der Arbeit ins Fitnessstudio oder von der Wohnung zum Supermarkt kann die Parkplatzsuche zu Stoßzeiten schon mal mehr Zeit in Anspruch nehmen als die eigentliche Fahrt. Hier sind schmale Zweiräder deutlich im Vorteil. Daher entwickelt Volkswagen Zero-Emission-Kleinstmobile wie das E-Kickboard „Kickstep“ oder das E-Bike „Bik.e“. Der Kickstep ist ein zusammenklappbarer Elektroroller, der kaum größer als ein konventionelles Kickboard ohne Antrieb ausfällt. Er wird im Kofferraum beispielsweise des up! verstaut und dort während der Fahrt automatisch aufgeladen. Beim Bik.e handelt es sich um ein batteriebetriebenes Pedelec, das dank eines innovativen Faltmechanismus’ auf die Größe eines Ersatzrades zusammengeklappt und ebenfalls im Kofferraum aufgeladen und verstaut werden kann.
Das Hauptrisiko für den Stadtverkehr der Zukunft liegt jedoch nicht im Mangel an Parkplätzen, sondern in der Verstopfung der Straßen – dem Verkehrsinfarkt. Zwischen der bestehenden Bebauung bleibt kaum Platz für einezukünftige Erweiterung von Fahrbahnen. Um dem steigenden Verkehrsaufkommen gerecht zu werden,sind Stadtplaner weltweit auf der Suche nach visionären Konzepten. Die Volkswagen Konzernforschung befasst sich auch mit der Zukunft des Städtebaus. Ein vielversprechender Lösungsansatz zur urbanen Raumproblematik liegt in dem Konzept der MicroCity. Dieser Mobilitätsknotenpunkt ist nicht nur Parkfläche mit mit integrierten automobilnahen Dienstleistungen wie Ladestationen und Tankstellen. Sondern die MicroCity ist auch Zentrum für den Umstieg auf andere Verkehrsträger: Hier steigt man in die U-Bahn, hier nutzt man Car-Sharing und Car-Pools oder leiht sich den Roller für die letzten Meter in die City. Natürlich wird die MicroCity durch Shopping- und Dienstleistungsangebot sinnvoll ergänzt.
„Die Zukunft des Städtebaus liegt bereits heute an Punkten des ‚Umsteigens’. So haben beispielsweise Flughäfen, Bahnhöfe und andere Knotenpunkte des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs längst schon die umsatzstärksten Ladenflächen“, so Thomas Willemeit, Mitbegründer des weltweit agierenden Berliner Architekturbüros GRAFT in der Wirtschaftswoche. Die Verbindung von Verkehrs- und Shoppingangeboten, die der Verbraucher schon heute honoriert, könnte in der Zukunft noch nahtloser ineinander greifen. Der Besucher einer MicroCity gibt beim Einparken seinen digitalen Einkaufszettel ab und findet nach dem Shoppingtag die bestellten Lebensmittel im Kofferraum vor – oder in der gekühlten Lagerbox, die er mit einer PIN-Eingabe öffnet. Der Pendler stellt am Morgen seinen PKW in der MicroCity ab und legt mit Bik.e oder Kickstep die kurze Strecke zum Arbeitsplatz zurück. Das Fahrzeug steht geschützt in der Parkbucht, wo in der Zwischenzeit die Batterien automatisch aufgeladenwerden. Die frischen Hemden aus der Reinigung, die Schuhe mit den neuen Absätzen und zwei frische Brote vom Bäcker werden ihm pünktlich zum Feierabend bereitgestellt.
Neue Impulse
Doch nicht nur für Menschen, die im Umland wohnen und in die Stadt hinein wollen, ist die MicroCity ein idealer Anlaufpunkt. Dem Stadtbewohner, der in der Zukunft immer häufiger auf die Anschaffung eines eigenen PKW verzichten wird, steht in der MicroCity eine breite Auswahl an Carsharing-Fahrzeugen zur Verfügung. Je nach Bedarf mietet er sich einen schnellen Einsitzer, wie Volkswagen ihn bereits mit der Studie NILS vorgestellt hat, einen Kombi für den Familienausflug oder einen Kleintransporter für die Fahrt ins Möbelhaus. In der MicroCity ansässige Ladengeschäfte können auf eine flexible Lieferwagenflotte zurückgreifen. Der Komplex wird durch Waschanlagen, Logistikdienstleistungen und Servicewerkstätten ergänzt. Während also mehr Parkplätze im Innenstadtgebiet zur Verfügung stehen und diese auf geringerer Grundfläche zusammengefasst sind, sinkt zugleich die Anzahl der Fahrzeuge, die im Stadtzentrum „beheimatet“ sind. Ein enormer Raumgewinn ist die Folge. Weiterer Vorteil: Der Anteil des stehenden Verkehrs wird deutlich reduziert, weil Autos von vielen und nicht mehr nur von einer Person genutzt werden.
Werden sämtliche Parkflächen, die heute entlang des Fahrbahnrands verteilt sind, durchMicroCity-Stellplätze ersetzt, ergibt sich für Stadtplaner die Möglichkeit, den bisherigen Parkraum umzunutzen – für breitere Bürgersteige und für eine separate Fahrspur für Fahrräder und elektrisch angetriebene Kleinstmobile. Durch das Wegfallen seitlicher Parkbuchten entlang der Straßenlockert sich das Stadtbild auf. Die bestehenden Fahrspuren werden dank intelligenter Fahrerassistenzsysteme besser, das heißt gleichmäßiger, genutzt. Möglich macht das die Car-2-Car-Kommunikation: Fahrzeuge tauschen per WiFi-Informationen über den Verkehrsfluss und zu aktuellen Hindernissen mit einander aus. Entgegenkommende Fahrzeuge werden mit frisch gewonnenen Daten über die soeben befahrene Strecke versorgt.Das Navi errechnet dann automatisch die Fahrtroute mit der kürzesten Fahrzeit. Ist die Hauptverkehrsader aufgrund eines Unfalls verstopft, leitet sich der Verkehr von selbst um, noch bevor die Polizei eintrifft oder die Meldung im Radiosender eingegangen ist. Rettungs- und Bergungsfahrzeuge erreichen den Unfallort schneller und kurz darauf ist die Fahrbahn wieder frei.
Intelligentes Verkehrsflussmanagement
Im nächsten Schritt kommt die Kommunikation Car-2-Infrastructure hinzu: Jedes einzelne Fahrzeug kommuniziert mit den vor ihm liegenden Ampelanlagen und meldet sich vorab dort an. Die Anlagen errechnen eine flexible, dem aktuellen Fahrzeugaufkommen angemessene Steuerung der Ampelphasen. Weit und breit kein anderes Fahrzeug zu sehen, aber die Ampel steht stur auf Rot? Solch starre Schaltungen, die zu unnötigen Brems- und Anfahrmanövern führen, gehören in Zukunft der Vergangenheit an – die Ampelsteuerung wird auf eine energiesparende Vorrangregelung ausgelegt, die für einen höheren Verkehrsfluss sorgt. Ähnliche bedarfsgesteuerte Systeme gibt es bereits heute in vielen Städten für den öffentlichen Personennahverkehr – Busse und Straßenbahnen werden von der Ampelanlage erkannt und erhalten automatisch Vorrang. Je höher die Anzahl der Fahrzeuginsassen, umso dringlicher die Vorrangstellung.
Dauerhafte Entlastung
Staus werden damit reduziert. Kleinstmobile werden in der Zukunft einen großen Teil des innerstädtischen Verkehrs ausmachen. Die Stadt der Zukunft ähnelt also wahrscheinlich weniger Mexiko City oder Mumbai, sondern eher einer sommerlichen Metropole ohne den Lärm und die Abgase. Kleinemotorisierte Zweiräder surren durch die Straßen, während am Fuße der Häuser Cafés die Boulevards säumen.
Die konsequente Zusammenführung von Mobilitäts- und Serviceangeboten und konzentriertem Parkraumin den MicroCities könnte überfüllte Städte also dauerhaft entlasten und den städtischen Lebensraum von langen Reihen parkender Fahrzeuge befreien – eine Vision, die erstaunlich nahe liegt. Wer dafür Herausforderungen als Chance begreift, sieht im steigenden Verkehrsaufkommen nicht die Bedrohung verstopfter Straßen, sondern die ideale Gelegenheit, um die Lebensqualität in den Städten deutlich zu erhöhen.