Experten: Ethanol ist für Motoren kein Problem, wenn beim Bau die richtigen Werkstoffe verwendet wurden
Der Wirbel um die Einführung des E10-Kraftstoffs hat Autofahrer deutschlandweit verunsichert. Der öffentliche Aufruhr um den Biosprit wiederum irritiert Motorenexperten.
Wo liegen die Probleme, wenn dem Benzin 10 Prozent Ethanol beigemischt werden? Welche Teile im Motor könnten durch die Beimischung gefährdet werden? Das wollte unsere Redaktion von Experten des Volkswagen-Konzerns wissen. Rede und Antwort standen Jens Hadler, Leiter der Aggregate-Entwicklung bei Volkswagen, und Rüdiger Szengel, Leiter der Otto-Motoren-Entwicklung bei Volkswagen. Mit Hadler und Szengel sprach Redakteur Markus Schlesag.
Herr Hadler, eine Frage vorweg, die zumindest alle VW-Fahrer interessiert: Welche Volkswagen-Motoren vertragen denn den neuen E10-Kraftstoff – und welche nicht?
Jens Hadler: Da kann ich eine klare Aussage machen: Alle Motoren mit Ausnahme einiger der ersten FSI-Motoren, die zwischen 2001 und 2006 gebaut wurden, vertragen den E10-Kraftstoff.
Wie viele Autos gehören zur ersten FSI-Generation, die nicht mit E10 betankt werden darf?
Hadler: Das sind etwa 175 000 Fahrzeuge der Modellreihen Lupo, Golf, Bora und Touran. Eine genaue Auflistung der Fahrzeuge liegt seit 2008 vor und ist auf der Internetseite von Volkswagen und unter anderem auf der DAT-, VDA- und ADAC-Homepage für jeden Kunden verfügbar.
Und wenn ich einen Golf oder Passat des Baujahrs 1995 fahre?
Hadler: Dann können Sie ihn mit E10-Kraftstoff betanken. Und alle anderen unserer Modelle auch – außer den eben genannten FSI-Reihen.
Weshalb vertragen die keinen E10-Kraftstoff?
Rüdiger Szengel: Die Hochdruckeinspritzpumpe war nicht für die Verwendung mit E10-Kraftstoffen ausgelegt. Wenn man diese Motoren mit E10 betreiben würde, könnte es zu Korrosion am Aluminiumgehäuse der Pumpe kommen, weil es in den genannten Baureihen nicht beschichtet ist. Dadurch können sich Korrosionspartikel ablagern, die dann das Einspritzsystem stören. Bei Modellen nach 2005 haben wir beschichtete Hochdruckpumpen oder Edelstahlpumpen verbaut.
Autofahrer fürchten, E10 sei nicht richtig erprobt und werde nun einfach eingeführt.
Hadler: Dieser Eindruck täuscht. Wir haben viele Jahre Erfahrung mir Ethanol-Kraftstoff. In Brasilien fahren unsere Autos seit rund einem Jahrzehnt sogar mit E100 – störungsfrei. Täglich kommen rund 1000 E100-Motoren hinzu. In den USA fahren unsere Autos mit E10, im mittleren Westen der Vereinigten Staaten mit E20. Und in Schweden laufen unsere Motoren mit E85-Kraftstoff – ebenfalls ohne Komplikationen.
Es heißt, Ethanol greife Zuleitungen und Dichtungen im Motor an.
Hadler: Aber nur, wenn die eingesetzten Werkstoffe ungeeignet sind. Wenn man die richtigen Kunststoffe und Gummi-Mischungen verwendet, ist auch das kein Problem. Durch die Verwendung von durch Volkswagen freigegebenen Teilen ist dies immer sichergestellt.
Außerdem heißt es, dass Ethanol bei der Verbrennung mehr Wasser freisetzt und dadurch das Öl verdünnt werden kann.
Szengel: Grundsätzlich ist es richtig, dass Ethanol eine höhere Wasseranziehungsfähigkeit besitzt. Das ist technisch gut beherrschbar, wie wir ja mit dem E100-Betrieb seit vielen Jahren zeigen. Autofahrer sollten allerdings die vorgeschriebenen Wartungsintervalle, speziell die Ölwechselintervalle, einhalten und die von Volkswagen freigegebenen Motoröle verwenden. Aber das gilt ja grundsätzlich und nicht nur für den Ethanol-Betrieb.
Kann man also beruhigt E10-Kraftstoff tanken, wenn der Hersteller das jeweilige Modell freigibt?
Hadler: Ich kann nur über unsere Motoren sprechen. Da lautet die Aussage: Alle Motoren außer den eingangs genannten FSI-Motoren der ersten Generation können mit E10-Kraftstoff fahren.
(Interview Braunschweiger Zeitung vom 09.03.2011)