Der Polo in Lublin, nur zum Teil im Bild, im Hintergrund ein Mural.
Der Polo in Lublin, nur zum Teil im Bild, im Hintergrund ein Mural.
Der Polo in Lublin, nur zum Teil im Bild, im Hintergrund ein Mural.
Der Polo in Lublin, nur zum Teil im Bild, im Hintergrund ein Mural.
Lifestyle

Auf Urban-Art-Safari mit dem Polo

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Auf Urban-Art-Safari mit dem Polo

Text von Redaktion loved GmbH
Fotografie von Oliver Schwarzwald

Sie bringen Farbe auf und neben die Straße: Das polnische Graffiti-Writer- und Galeristen-Duo Cezary Hunkiewicz und Piotr Grykałowski macht seine Heimatstadt Lublin zur Leinwand für urbane Kunst. Mit „Murals“, also riesigen Wandgemälden. Wir bringen eine neue Farbe mit: einen roten Polo. Dann begleiten wir die beiden bei der Arbeit an einem neuen Werk.

Text von Redaktion loved GmbH
Fotografie von Oliver Schwarzwald

Sie bringen Farbe auf und neben die Straße: Das polnische Graffiti-Writer- und Galeristen-Duo Cezary Hunkiewicz und Piotr Grykałowski macht seine Heimatstadt Lublin zur Leinwand für urbane Kunst. Mit „Murals“, also riesigen Wandgemälden. Wir bringen eine neue Farbe mit: einen roten Polo. Dann begleiten wir die beiden bei der Arbeit an einem neuen Werk.

Urban-Art-Kennern entlockt der Name Brain Damage respektvolle Beifallsbekundungen. Cezary Hunkiewicz führt uns durch die loftartigen Räume, die er zusammen mit seiner Frau, einer Kuratorin, und seinem Freund Piotr Grykałowski betreibt. „Brain Damage war ein polnisches Graffiti-Magazin, das ich Mitte der Neunziger zusammen mit Piotr und weiteren Freunden aus der Szene gründete. Nach fast 10-jährigem Bestehen haben wir dann 2006 schließlich aufgehört. Uns wurde einfach ein bisschen langweilig. Wir hatten Lust, neue Wege zu gehen“, sagt Cezary. Brain Damage inspirierte zu seiner Zeit weit über Polens Grenzen hinaus. Als Medium habe es eine wichtige Rolle in der europäischen Graffiti-Szene und sogar in Südamerika gespielt, erklärt uns Cezary mit berechtigtem Stolz. Er will aber nicht zu lange in der Vergangenheit schwelgen. „2012 haben wir dann die Galerie Brain Damage eröffnet – natürlich wollen wir durch sie auch den Namen und das Logo des Magazins weiterleben lassen. Inzwischen ist beides zu einer Marke für anspruchsvolle Straßenkunst geworden. Sie hebt sich ab von typischen U-Bahn-Schmierereien und bereichert das Stadtbild. Wir können andere Künstler unterstützen und der Urban-Art-Community etwas zurückgeben. Das macht Spaß und erfüllt mich gerade mehr, als durch die Welt zu reisen und den ganzen Tag nur zu malen.“

Blick aus der Galerie "Brain Damage" nach draußen auf die Straße, vor der Tür steht der Polo
Cezary und Piotr in der Halbtotale
Cezary und Piotr sind nicht nur Galeristen und ehemalige Magazin-Herausgeber, sondern auch zwei der bekanntesten osteuropäischen Graffiti Writer.

 „Murals“ prägen das Stadtbild

Wie sich in der 350.000 Einwohner zählenden Stadt, die sich selbst „City of Inspiration“ nennt, eine derart lebhafte urbane Kultur entwickeln konnte? Für solche Phänomene gibt es selten simple Erklärungen. Ein wichtiger Faktor ist sicher, dass Lublin neben fünf Universitäten diverse Hochschulen und Forschungszentren beherbergt. Fast 70.000 Studenten sind mit dafür verantwortlich, dass Lublins Straßen so quirlig und weltoffen erscheinen wie in kaum einer anderen Stadt gleicher Größe. Internationale, sich ergänzende Zeitgeist-Strömungen ergeben eine unvergleichliche Dynamik. Viele Studenten kommen von weit her, etwa aus den USA und Taiwan, aber natürlich auch aus den Nachbarländern und aus Skandinavien.

Urban Art ist neben Architektur in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem Touristenmagneten geworden – vor allem bei jungen Erwachsenen, die es lieben, sich im urbanen Raum zu bewegen. Murals, also raumgreifende, sorgfältig konzipierte Wandgemälde, sind die beliebteste Attraktion. In Lublin findet man sie an jeder Ecke. Was nun eigentlich prinzipiell der Unterschied zwischen einem Mural und einem Graffiti sei, wollen wir wissen. „Das ist einfach erklärt“, sagt Piotr. „Ein Graffiti ist wie ein Aufschrei, eine Art rebellische Aktion. Ein Mural aber ist für die gesamte Öffentlichkeit gedacht, und man muss sich vorher mit den städtischen Institutionen auseinandersetzen, malt ja auch oft in deren Auftrag. Wenn man ein Mural vorbereitet und malt, dauert das oft mehrere Wochen. Ein Graffiti zu sprühen, schafft man dagegen locker in einer Stunde – und dann ist man weg.“

Der Polo fährt ins Bild, im Hintergrund ein Mural.
Die Geschichte des Ortes, den man anmalt, sollte man auf jeden Fall kennen.
Piotr Grykałowski
Der Polo fährt an einer bemalten Wand vorbei.

Aus Chaos wird Kunst

Seit einiger Zeit gibt es spezielle Stadtführungen, in deren Verlauf man besonders beeindruckende Murals besucht und Hintergrund-Infos zu ihrer Entstehung erfährt: eine kulturelle und historische Erfahrung zugleich. Piotr und Cezary, die einige der Wandbilder im Auftrag der Stadt selber gemalt oder kuratiert haben, unterstützen diese geführten Touren. Cezary klärt uns auf: „Die meisten Murals sind nicht sofort verständlich. Manchmal muss man fragen oder ein Geschichtsbuch zur Hand nehmen, um die Zeichen und deren Bedeutung vollends zu entschlüsseln. Wer interessiert ist, kann viel lernen.“ Und Piotr ergänzt: „Uns beiden ist es überhaupt sehr wichtig, dass das Bild zum sozialen Umfeld des Ortes passt – und in jedem Fall zur Architektur des Hauses.”

Als Nächstes geht es zu Piotrs Materialienlager. Die beiden Künstler brauchen Farben, Werkzeug und andere Utensilien, um dann im Zentrum die Arbeit an einem Mural zu beenden. In einem kleinen Schuppen bewahrt Piotr Farbdosen in großen Wäschekörben, Malerrollen in allen Größen, Atemschutzmasken und ein beachtliches Pinselsortiment auf. Die beiden Mittdreißiger wissen, wo sie was in dem Künstlerchaos finden. Gemeinsam laden wir all ihre Utensilien in den geräumigen Kofferraum des Polo. Piotr diktiert uns eine Adresse ins Navi – die Location der Mauer, an der heute Abend gemalt werden soll. 

Piotr beim Beladen des Polo (zwei Fotos)
Cezary und Frau betrachten ein Mural

Durch das Straßengewirr der Stadt steuern wir unseren kompakten Hingucker zum künstlerischen Einsatzort. Dort finden wir eine ca. 150 Meter lange Mauer vor, die bereits weitestgehend mit Murals geschmückt ist. Diese fügen sich zu einem Gesamtkunstwerk, das die stolze 700-jährige Geschichte der Stadt Lublin erzählt. Mit der Konzeption wurde der Grafikdesigner Jacek Rudzki beauftragt, der zurzeit einer der Anerkanntesten seiner Zunft in Polen ist – und gebürtig aus Lublin kommt. „Wir haben mit Jacek schon an einigen Murals zusammengearbeitet und kennen ihn gut, das war uns bei so einem großen Projekt wichtig“, sagt Piotr. Mit seinem authentischen und sehr reduzierten Design, wenigen, aber ausdrucksstarken Farben und ikonografischen Bildern erzählt Rudzki kleine und große historische Begebenheiten. Sie ergeben ein wunderschönes Gesamtgebilde, in dessen Details man förmlich versinkt.

Cezary und Piotr laden ihre Arbeitsmaterialien aus. Dann stellen die zwei Künstler einen Projektor auf, der an einen Laptop angeschlossen wird. In der Abenddämmerung projizieren sie eine DIN-A4-Version des Motivs an die Wand. Die von Jacek erdachten Linien und Flächen werden sorgfältig abgeklebt und ausgemalt. Nicht mit Spraydosen, sondern mit Pinseln und Farbrollen. So entstehen Stück für Stück die Grundzüge eines Wandgemäldes vor unseren Augen. Die beiden wollen bis spät in die Nacht weitermalen. 

Close-Up von Malerutensilien im Kofferraum des Polo
Du kannst kein Rebell sein, wenn du ständig nur am Handy rumhängst und Instagram-Postings machst.
Cezary Hunkiewicz
Piotr im Portrait

Die letzten Pinselstriche

Als wir am frühen Abend des nächsten Tages zurückkehren, um uns zu verabschieden, sitzen Cezary und Piotr auf einer Parkbank vor der Mauer und sehen ziemlich zufrieden aus. Sie teilen uns mit, dass es noch einige Stunden dauern wird, bis alle Details zur Zufriedenheit der Künstler ausgearbeitet sind. Geht diese Kleinteiligkeit nicht irgendwann an die Substanz? Und vermissen die beiden manchmal ihre Anfänge, als sie nur mit zwei, drei Spraydosen loszogen? Cezary kratzt sich am Kopf – und antwortet: „Man kann nicht 20 Jahre lang die gleichen Wände anmalen und sich in Büschen verstecken. Wir haben uns künstlerisch weiterentwickelt und sind dabei erwachsen geworden.“ Dann schnappt er sich einen feinen Pinsel und etwas Farbe und widmet sich wieder dem Wandgemälde.

Der Polo vor einem verfallenen Haus mit Mural

/ Oktober 2019

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