Die Krönung der "Eurofighter"

Die Krönung der "Eurofighter"

Die Europa League wird im Turniermodus in Nordrhein-Westfalen ausgespielt. Sieben Spiele, vier Stadien. Wir erinnern an Europapokal-Highlights der gastgebenden Vereine. Heute: die Krönung der "Eurofighter" im Gelsenkirchener Parkstadion.

Die Europa League wird im Turniermodus in Nordrhein-Westfalen ausgespielt. Sieben Spiele, vier Stadien. Wir erinnern an Europapokal-Highlights der gastgebenden Vereine. Heute: die Krönung der "Eurofighter" im Gelsenkirchener Parkstadion.

Ich bin gebürtiger Gelsenkirchener. Klar, dass ich Schalke-Fan bin. Im Frühsommer 1997 war ich 19 und hatte gerade meine Ausbildung zum Industriemechaniker in einer Erdölraffinerie beendet. So lange ich denken konnte, pendelte Schalke irgendwo zwischen Bundesliga-Mittelmaß und Fahrstuhlmannschaft. Die ersten Spiele, die ich als Fan im Parkstadion gesehen habe, waren noch Zweitligapartien gegen Mannschaften wie Fortuna Köln oder Blau-Weiß 90 Berlin.

In der Saison 1995/96 trumpfte Schalke vollkommen unerwartet groß auf. Zum Saisonende standen die Knappen auf dem dritten Tabellenplatz – zum ersten Mal seit 20 Jahren hatte sich Schalke wieder für den UEFA-Cup qualifiziert. Ganz Gelsenkirchen stand Kopf. Ich natürlich auch. Europa, wir kommen!

Die Geburt der "Eurofighter"

In der Bundesliga lief es in der folgenden Saison nicht rund. Vielleicht lag es an der Doppelbelastung, wer weiß das schon so genau. Aber als Außenseiter im UEFA-Pokal entwickelte sich das Team um Jens Lehmann, Olaf Thon, Marc Wilmots und Thomas Linke zum Favoritenschreck und marschierte bis ins Finale. Da hatte die Mannschaft schon längst einen neuen Namen: die „Eurofighter“.

1996/97 war die letzte UEFA-Pokal-Saison, in der es auch im Finale ein Hin- und Rückspiel gab. Schnell war klar, dass das Rückspiel in Mailand live im Parkstadion übertragen werden würde. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wo mein Bruder und ich die Karten dafür herbekommen haben. Die krassen Fans sind alle nach Mailand gefahren, aber „normalen“ Fans wie mir war das einfach zu teuer. Das Rückspiel als Liveübertragung gemeinsam mit Tausenden Fans im Parkstadion sehen zu können, war aber mehr als ein Trostpflaster.

Zu der Zeit gab es den Begriff Public Viewing noch nicht. Ich weiß gar nicht, wie man das damals genannt hat. Nach dem 1:0 im Hinspiel gab es diese „Wir können es schaffen“-Stimmung. Aber es wären auch alle stolz wie Bolle gewesen, wenn man 1:3 in Mailand verloren hätte. Eigentlich war allen klar: Wir sind die viel schlechtere Mannschaft. Inter Mailand war ein Weltklasseverein, gespickt mit Weltklassespielern wie Javier Zanetti, Youri Djorkaeff oder Iván Zamorano. Schalke hatte eine solide Truppe — Jens Lehmann und Olaf Thon ragten in der Defensive heraus. Die Fallhöhe war also gering. Nicht einmal ein Jahr vorher waren wir noch im Bundesliga-Mittelmaß rumgesumpft, jetzt gab es plötzlich die Möglichkeit, den UEFA-Pokal zu gewinnen. Das allein war schon eine Sensation.

Liveübertragung im Parkstadion

Das Parkstadion war noch ein altes Stadion mit Laufbahn. Auf dem Spielfeld hatten sie eine riesige Leinwand aufgebaut und darum herum waren anderthalb Kurven für Fans geöffnet. Gefühlt waren das 20.000 Plätze. Die Tickets waren in Windeseile vergeben. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Normalerweise guckte man ein Auswärtsspiel in einer Kneipe oder zu Hause. Die entscheidende Partie mit so vielen anderen live sehen zu können, war ein krasses Erlebnis.

Im Stadion war ein eigener Kommentator. Das heißt, wie alle anderen in Deutschland haben wir zwar die Fernsehübertragung gesehen, die Tonspur war aber eine andere. Ich weiß leider nicht mehr, wer es war, aber ich erinnere mich, dass der Kommentator, während er das Spiel kommentierte, immer wieder Sprechchöre anstimmte und uns anpeitschte. Mein Bruder und ich standen in unseren Schalke-Trikots in der Kurve, sangen frenetisch mit und ließen uns von dieser Welle aus Euphorie und Vorfreude mitreißen.

Nervenkitzel pur

Das Spiel fing gut an. Schalke stand sicher, ließ nicht viel zu. Würde der knappe Hinspiel-Sieg reichen? Fünf Minuten vor Schluss waren wir dann doch fällig, 1:0 durch Zamorano. Verlängerung. Da ging das Zittern erst richtig los. Anfeuern und Hoffen, Hoffen und Anfeuern. Zehn Minuten vor Schluss traf Maurizio Ganz von Inter die Latte. Da war ich mit meinen Nerven schon fast am Ende. Und auch mein Bruder hatte kaum noch Fingernägel zum Abkauen übrig.

Als es ins Elfmeterschießen ging, hatte ich nicht so ein super Gefühl. Thon und de Kock hatten im Laufe des Wettbewerbs beide schon mal einen Elfer verschossen. Wirklich sichere Schützen waren bei uns Mangelware. Lehmann im Tor war eine Bank, alles andere war mehr als ungewiss. Ingo Anderbrügge versenkte den ersten Elfer dann aber sicher rechts oben. Zamorano scheiterte an Lehmann. Vorteil Schalke! Da habe ich zum ersten Mal ernsthaft gedacht, dass wir tatsächlich den Pokal holen könnten.

Als Aron Winter seinen Schuss rechts neben den Pfosten setzte, war der Titel zum Greifen nahe. Und dann machte Marc Wilmots den Sack zu. Das Parkstadion verwandelte sich in ein Tollhaus – und wir mittendrin. UEFA-Pokal-Sieger. Unfassbar! Wir blieben noch lange im Stadion, bevor wir nach Buer umzogen, in eines der zwei kleinen Stadtzentren in Gelsenkirchen. Da ging die Party weiter. Die Straßen waren voll von Leuten, die sich in den Armen lagen und gemeinsam tanzten.

Der Tag danach

Im Morgengrauen sind wir dann direkt vom Feiern zur Arbeit gegangen. Beide im Schalke-Trikot. Ein ganzer Haufen von Kollegen kam an diesem Morgen im Schalke-Trikot zur Arbeit. Alle übernächtigt, alle überglücklich. Schalke 04, UEFA-Pokal-Sieger 1997. Ich kann es bis heute kaum glauben.

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