Eine Ode an den Frauenfußball
Eine Ode an den Frauenfußball
Eine Ode an den Frauenfußball
Eine Ode an den Frauenfußball

Eine Ode an den Frauenfußball

Eine Ode an den Frauenfußball

ARD-Kommentator Bernd Schmelzer begleitet den Frauenfußball seit mehr als 25 Jahren. Warum er ihn so liebt, erzählt er hier.

„Pass auf, was du sagst!“ Ich erinnere mich noch ganz genau. Es war vor der ersten Übertragung eines Frauenfußballspiels. Irgendwann Mitte der 90er-Jahre. „Ball mit der Brust annehmen … , du weißt schon.“ Ratschläge, die eher Vorurteile unterstrichen – und sich in keinster Weise als verhältnismäßig entpuppten. Denn der Frauenfußball ist zwar anders; aber ganz anders, als viele glauben: Er ist offen, cool und transparent im Umgang mit sich selbst. Und genau deshalb ist der Frauenfußball einzigartig.

Viele machen den Fehler, die Frauen mit den Männern zu vergleichen. Das ist Unsinn. Weil es weder die Frauen noch die Männer selber tun. Sie wollen es nicht. Warum auch. Kein Mensch würde 100-Meter-Läufe von Frauen anhand der Ergebnisse der Männer bewerten. Sondern jeden eigenständig. Individuell für sich stehend.

Genauso ist es im Frauenfußball. Eigenständige Voraussetzungen, eigenständige Leistungen, eigenständige Bewertungen bitte. Punkt. Die Frage muss immer lauten: Welche Möglichkeiten habe ich? Und was mache ich daraus? Auf den Frauenfußball bezogen kann es nur eine Antwort geben: Er macht viel daraus. Seit Jahrzehnten übrigens.

Dabei hat sich einiges getan. Ich erinnere mich an Übertragungen von Länderspielen, auf Island beispielsweise mal, da wurde auf einer Art Platz gekickt, direkt neben der Pferdekoppel. Hinter der Trainerbank, es war wirklich nur eine Bank, grasten zwei stattliche braune Vierbeiner. Völlig unbeeindruckt vom Geschehen um sie herum. Der Reporterplatz war auf einem Gerüst rund zwei Meter über der Koppel, direkt an der Seitenlinie. Als ein Tor fiel, drehte sich Silvia Neid, die Bundestrainerin, um und sagte: „Nicht so laut, Bernd. Ich muss mich konzentrieren.“ Ich wäre vor Lachen fast vom Podest gestürzt.

Aber das ist doch das Schöne am Frauenfußball. Kein Leben in einer eigenen Welt. Kein Abkapseln. Keine Bodyguards, die Spielerinnen beim Aussteigen aus dem Auto die drei Meter ins Mannschaftshotel mit staatstragender Mine begleiten, obwohl überhaupt niemand vor dem Hotel steht. Nein. Dafür steht der Frauenfußball nicht. Weder außerhalb, noch auf dem Platz.

Beim Frauenfußball geht es vornehmlich um Fußball. Nicht um die Selbstinszenierung der Akteure. Nur dieser Vergleich zu den Männern ist zulässig. Keine Theatralik nach einem Foul. Keine acht Rollen über den Platz nach einem Rempler. Normaler Torjubel. Und nicht die Huldigung des Heiligen Vaters oder der verstorbenen Großmutter. Auch kein Schnulleralarm, keine Scharfschützengestik. Nein, einfach: Tor. Und weiter.

Wenn die Schiedsrichterin etwas entscheidet, springt auch nicht gleich die ganze Bank auf und brüllt wüste Worte in Richtung der Unparteiischen. Es müssen auch keine Megarudel aufgelöst werden auf dem Platz. Niemand trommelt wutentbrannt mit der flachen Hand auf den Boden. Abseits ist Abseits. Elfmeter Elfmeter. Oder eben nicht. Schwalben sieht man im Frauenfußball so häufig wie Wasserbrunnen in einer Wüste. Eigentlich nie. Die Spielerinnen haben Respekt voreinander, wertschätzen sich. Auch und gerade während der 90 Minuten.

Warum sich der Frauenfußball in der Bundesliga nicht nachhaltig durchsetzt in Deutschland, ist demzufolge nur schwer nachvollziehbar. Die Zeiten, in denen die Frauen teilweise auf „Bolzplätzen“ spielten (spielen mussten), die für Fans und Fernsehen wenig attraktiv waren, sind lange vorbei. Mannschaften wie der 1. FFC Frankfurt (heute Eintracht Frankfurt), Turbine Potsdam, der VfL Wolfsburg oder Bayern München haben in den letzten beiden Jahrzehnten großartige Erfolge vorzuweisen. National wie international. Dennoch erlebt die Frauen-Bundesliga keinen Zuschauerboom. Schade.

Selbst nach den diversen WM- und EM-Titeln sowie olympischen Medaillen der Nationalmannschaft gab es keine langfristig signifikanten Steigerungen. Obwohl Mann/Frau gerade in der Liga alles finden kann, was den Fußball an sich so relevant und interessant macht. Guten Sport und nebenbei sogar noch Fan-Nähe. Autogramme, Selfies, ein kurzer Plausch – beim Frauenfußball möglich, sogar erwünscht. Potsdams langjähriger Kult-Trainer Bernd Schröder etwa ließ es sich vor einem Spiel nie nehmen, mit mir peripher auch über Skirennen zu diskutieren. Weil er unbedingt wissen wollte, wie es auf der berüchtigten Streif in Kitzbühel wirklich aussieht …

Sie merken: Ich mag den Frauenfußball. Rund ein Vierteljahrhundert darf ich mittlerweile darüber berichten. Und es ist nie langweilig geworden. Deutschland zählt für mich zu DEN Ländern des Frauenfußballs. Die Nationalmannschaft hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Mehr Werbung in eigener Sache geht nicht. Das jetzt auch Borussia Dortmund in den Frauenfußball einsteigt, ist ein tolles Signal. Ach ja: Aufzupassen, was man(n) im Umfeld des Frauenfußballs sagt, ist überhaupt kein Thema. Die Frauen, gerade die Fußballerinnen, gehen mit vielen Dingen viel entspannter um als die Männer …

Zum Autor:

Bernd Schmelzer, 55, kommentiert seit Mitte der 1990er-Jahre Frauenfußball für die ARD, darunter die WM-Endspiele 2011 und 2019. Dazu berichtete er bei fünf Olympischen Spielen seit 2000 über den Frauenfußball.

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