Die Malocher erobern Europa

Die Malocher erobern Europa

Die Europa League wird im Turniermodus in Nordrhein-Westfalen ausgespielt. Sieben Spiele, vier Stadien. Wir erinnern an Europapokal-Highlights der gastgebenden Vereine. Heute: Duisburg-Legende Bernard Dietz über ein unvergessenes Halbfinale.

Die Europa League wird im Turniermodus in Nordrhein-Westfalen ausgespielt. Sieben Spiele, vier Stadien. Wir erinnern an Europapokal-Highlights der gastgebenden Vereine. Heute: Duisburg-Legende Bernard Dietz über ein unvergessenes Halbfinale.

1977/78 wurden wir in der Bundesliga überraschend Fünfter und durften daher in der Folgesaison im UEFA-Pokal antreten – zum zweiten Mal überhaupt in der Vereinsgeschichte des MSV Duisburg. Während es 1978/79 in der Bundesliga überhaupt nicht lief und wir unseren eigenen Ansprüchen ständig hinterherliefen, spielten wir im UEFA-Pokal ganz groß auf.

Gleich drei deutsche Teams standen am Ende der Saison im UEFA-Cup-Halbfinale: Hertha BSC Berlin, Borussia Mönchengladbach und wir. Es war also klar, dass es ein deutsch-deutsches Duell geben würde. Das war schon was Besonderes. Als wir die Borussia zugelost bekommen haben, wussten wir: Das wird schwer. Aber wir hatten ja ein Ziel vor Augen – und einen Außenseitervorteil. Dass wir überhaupt so weit gekommen waren, war schon eine echte Sensation. Ein kleiner Arbeiterverein wie der MSV Duisburg unter den besten Vier in Europa! Wir wussten: Mit einem Finaleinzug würden wir uns unsterblich machen.

Zeit, Geschichte zu schreiben

Auf dem Weg ins Halbfinale hatten wir mit Carl Zeiss Jena und RC Straßburg bereits den DDR-Meister und den französischen Titelträger aus dem Wettbewerb geschmissen. Wir hatten uns das Halbfinale redlich verdient. Entsprechend groß war die Euphorie. Es knisterte in der Stadt. Fans strömten zu unserem Abschlusstraining und feuerten uns an. Ganz Duisburg befand sich im Ausnahmezustand. Das war ein echtes Kontrastprogramm zur Bundesliga, wo wir die ganze Saison über nie unseren Rhythmus fanden und zwischendurch sogar in die Abstiegszone gerutscht waren.

Das Hinspiel fand in Duisburg statt. Wir wollten eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel schaffen. Als wir ins Stadion einliefen und das MSV-Lied gespielt wurde, lief mir ein Schauer über den Rücken. Die Chance auf ein europäisches Finale war zum Greife nahe. Es war typisches Aprilwetter, ideal zum Fußballspielen. Zumindest für mich. Ich brauchte dieses Fritz-Walter-Wetter, am Ende eines Spiels sah ich ja auch immer aus wie ein Ferkel. Rein fußballerisch war ich kein großes Talent. Meine Stärke lag in der Einstellung. Ich kam eher vom Kampf als von der Kunst. Was im Übrigen auch für den Rest des Teams galt.

Junges Team vor einmaliger Kulisse

Zu Beginn plätscherte die Partie so ein bisschen vor sich hin, auf beiden Seiten passierte eher wenig. So ging das bis zur Pause. Direkt nach Wiederanpfiff, in der 47. Minute, machte Ronnie Worm das 1:0. So langsam kamen wir in Fahrt. Das Wedau-Stadion bebte. Mit 22.000 Zuschauern war es bis auf den letzten Platz gefüllt. So eine Kulisse hätten wir uns in der Bundesliga auch manchmal gewünscht. Ein Wahnsinnsgefühl.

Wir waren eine ausgesprochen junge Mannschaft. Mit Norbert Dronia, Peter Fenten und Norbert Fruck gab es einige Spieler, die gerade erst aus der A-Jugend in die Profimannschaft vorgestoßen waren. In puncto Erfahrung hatten die Gladbacher uns auf jeden Fall einiges voraus. Peter Fenten, der sonst in der Abwehr absolut sicher stand, leistete sich dann einen kapitalen Fehler und legte Allan Simonsen mit einem völlig verunglückten Querpass den Ausgleich auf.

Das war ein kurzer Schockmoment. Doch sofort ging ein Ruck durch die Mannschaft. Wir haben uns kurz geschüttelt, noch eine Schippe draufgelegt – und schon stand es 2:1 für uns. Nur eine Minute später. Torschütze: Norbert Fruck, einer unserer Jüngsten, der erst in der Halbzeit für Rudolf Seliger gekommen war. Zurück auf der Siegerstraße!

Im Anschluss an die Führung haben wir den Druck auf die Gladbacher weiter erhöht.

Zehn Minuten später lief Ronnie Worm allein auf Gladbachs Keeper Kneib zu. Das musste das 3:1 sein – aber er scheiterte. Was gar nicht seine Art war, solche Tore hat er sonst fast immer gemacht. In den nächsten Minuten boten sich uns noch diverse Möglichkeiten, die Vorentscheidung zu erzielen, und den Sack zuzumachen. Es kam anders. Wie so oft im Fußball.

Anrennen für das Siegtor

Mitten in unserer Drangphase fiel in der 76. Minute der Ausgleich durch Lausen. Das war bitter. Wir wollten unbedingt gewinnen. Ein Unentschieden war gegen die Borussen zwar keine Katastrophe, aber es war klar, dass wir im Rückspiel hätten über uns hinauswachsen müssen, um den Finaleinzug, unser großes Ziel, perfekt zu machen. Mit dem Siegtreffer wurde es aber leider nichts mehr. In Mönchengladbach haben wir dann 1:4 verloren – obwohl wir zu Beginn gut gespielt haben.

Einen Monat nach dem verlorenen Rückspiel mussten wir dann in der Bundesliga wieder bei der Borussia am Bökelberg antreten und haben sie 2:0 abgefertigt. Das war toll, aber auch irgendwie bitter. Trotzdem: Mit dieser Malochertruppe in ein europäisches Halbfinale einzuziehen, war schon eine Ausnahmeleistung. Wir hatten nichts zu verlieren und konnten frei aufspielen. So gingen wir regelmäßig weit über unser eigentliches Limit hinaus. Und kamen auf diese Art Europas Fußball-Olymp näher denn je.

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