Michael Schulz
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Michael Schulz über die Spiele 1988: „Mit Glück ging mal eine Telefonzelle“

Michael Schulz über die Spiele 1988: „Mit Glück ging mal eine Telefonzelle“

Michael Schulz war schon fast 26 Jahre alt, als er Fußballprofi wurde. Nicht mal ein Jahr später ging er als Teil des deutschen Fußballteams in Südkorea auf Medaillenjagd. Die Mannschaft mit den vielen späteren Weltmeistern wie Jürgen Klinsmann und Thomas Häßler gewann sensationell die Bronze.

Danach wurde Schulz Vizemeister mit Dortmund und Bremen, stand im UEFA-Pokal-Finale und wurde 1992 Vize-Europameister. Aber nichts toppte die Wochen im September 1988, ein Turnier mitten in der Bundesligasaison. Und für den Abwehrspieler ein Abenteuer am anderen Ende der Welt.

Im Interview erinnert sich der 59-Jährige an seine skurrile Nominierung, koreanische Reisfelder und an ein Foto mit Leichtathletik-Superstar Carl Lewis.

Herr Schulz, viele Athleten lassen sich die Ringe als Tattoo stechen. Was ist Ihr Mitbringsel von den Sommerspielen in Südkorea?

Ich habe eine Medaille und viele Erinnerungen mitgebracht, aber ich bin kein Devotionalien-Sammler. Aktuell weiß ich auch gar nicht, wo meine Medaille ist. Sie ist nicht weg, ich bin mir nur nicht sicher, wo genau sie ist. (lacht)

Dabei kam Ihre Teilnahme praktisch aus dem Nichts. Sie wurden erst ein Jahr vorher Profi, mit fast 26 Jahren. Heute undenkbar …

Ich habe mich anfangs ja standhaft geweigert, Profi zu werden. Mit 18 Jahren hatte ich schon Angebote und bin auch zu Verhandlungen gefahren. Aber eher, weil ich es cool fand, mal die Leute aus dem Fernsehen zu sehen. Ich hatte es mir ehrlich gesagt auch nicht zugetraut.

Und dann hatten Sie auch noch einen sicheren Job bei der Polizei.

Genau, da hatte ich eine gute Karriere vor mir. Dann überlegst du dir dreimal, ob du einen windigen Fußballvertrag abschließt. Ich habe dann aber schließlich doch in Kaiserslautern unterschrieben. Aber nur für ein Jahr, um zu sehen, ob ich es packe auf dem Niveau. Sonst wäre ich wieder Polizist geworden.

Sie hatten sehr schnell ein hohes Niveau. Sogar so hoch, dass Sie nach nicht mal einem Jahr Profi ein Kandidat für das deutsche Team waren.

Trainer Hannes Löhr hatte mich zwar für ein Testspiel eingeladen, aber das war eine tolle und eingespielte Truppe. Ich hatte gar keine Illusionen, da mitzufahren.

Trotzdem wurden Sie nominiert. Wenn auch nur über Umwege …

Damals wurde der Kader im ZDF Sportstudio bekannt gegeben. Ich hatte an dem Tag Geburtstag und ein paar Leute eingeladen. Mein Name war aber nicht dabei. Einige meinten, mich trösten zu müssen. Im Spaß habe ich dann gesagt, dass ich trotzdem mitfahre.

Und das taten Sie dann ja auch wirklich. Wie kam es dazu?

Am Abend vor der Abreise rief mich dann Hannes Löhr an und fragte: „Sag mal, Langer. Hast du morgen schon was vor? Falls nicht, pack doch mal ein paar Sachen ein, morgen früh ist Abflug in Frankfurt.“ Weil sich gleich mehrere Spieler verletzt hatten, war ich plötzlich doch dabei. Mir war aber eigentlich klar, dass ich jetzt drei Wochen bezahlten Urlaub in Südkorea mache. Dann habe ich mir noch schnell einen Reiseführer am Flughafen gekauft und los ging’s.

Wie erlebten Sie Südkorea?

Für mich war das ein großes Abenteuer. Wir haben nach unserer Anreise einmal trainiert und dann gleich am nächsten Tag gespielt, Jetlag inklusive. Wir haben erst in Busan gespielt, dann in Daegu und Gwangyang. Kontakt nach Deutschland war praktisch unmöglich, mit Glück funktionierte mal eine Telefonzelle. Zwischen den Orten sind wir dann immer mit dem Bus stundenlang durch Südkorea gefahren, heute auch unvorstellbar.

Was sieht man da so vom Land?

Vor allem viele Reisfelder. Das kannte ich ja alles nicht, als Junge aus Oldenburg ohne echte Profi-Erfahrung.

Und trotzdem standen Sie gleich im ersten Spiel in der Startelf.

Ich weiß bis heute nicht, warum ich gespielt habe und wie ich das durchgehalten habe bei der Hitze. Ich war wahrscheinlich so euphorisiert von der Situation an sich, dass mir das egal war. Am Ende habe ich ja sogar jede Minute in jedem Spiel gespielt.

Nach der Vorrunde gab es ein souveränes 4:0 gegen Sambia im Viertelfinale. Und dann ging es ins Athleten-Dorf nach Seoul. Fingen die Spiele da für Sie erst richtig an?

Die Atmosphäre dort war der Wahnsinn. Hannes Löhr gewährte uns viel Freiraum. Wir hatten eine super Truppe, haben zusammen zum Beispiel Hockey geguckt. Das hat einfach Spaß gemacht. Und im Dorf laufen natürlich überall die Superstars rum, man trifft eine Steffi Graf beim Frühstück oder eine Anja Fichtel, die damals zweimal Gold im Fechten gewann. Aber ob Fußballprofi, 100-Meter-Läufer oder Turner, jeder war gleich – das war schon einmalig.

Bevor es Selfies überhaupt gab, sollen Sie ein Foto mit Leichtathletik-Legende Carl Lewis gemacht haben.

Ja, das stimmt. Er war damals einfach DER Superstar der Szene. Da war es üblich, dass diese Top-Athleten für Fotos posierten. Aber fragen Sie mich nicht, wo dieses Foto heute ist. (lacht)

Wie sehr hat Sie der besondere Geist gepackt damals?

Die ganze Welt drehte sich in diesen zwei Wochen um die Spiele. Egal, woher man kam. Es herrschte ja noch der Kalte Krieg. Aber zu der Zeit hatte man einfach das Gefühl, dass die Welt mal kurz stillsteht und Frieden herrscht.

Über Partys im Dorf der Athleten gibt es viele Legenden. Was haben Sie da erlebt?

Ich war erst mal sehr konzentriert auf meinen Sport und meine Leistung. Aber klar, es wurde gefeiert. Und wenn in den oberen Etagen Athleten schlafen wollten, flog schon mal ein Eimer Wasser unten auf die Feiernden. Das ist halt die Diskrepanz: Der eine feiert seine Goldmedaille, der andere hat morgen früh einen Wettkampf. Da gab es schon Spannungen.

Sportlich lief es überragend für das deutsche Team, bis zum Halbfinale gegen Brasilien, gespickt mit späteren Weltstars wie Bebeto und Romario. Wie bereitet man sich als relativ unerfahrener Spieler darauf vor?

Ich habe für mein Leben gerne Fußball gespielt, aber das ganze Drumherum und große Namen haben mich nicht interessiert. Das waren Gegner und meine Aufgabe als Abwehrspieler war es, sie zu stoppen.

Das Spiel ging im Elfmeterschießen verloren. Mussten Sie sich nach der Enttäuschung für das Spiel um Bronze neu motivieren?

Wir spielten in Seoul vor einer riesigen Kulisse. Dazu das Wissen, dass Millionen Menschen das Spiel auf der ganzen Welt sehen werden und man die Chance hat, eine Medaille für sein Land zu gewinnen – das war für mich Motivation genug. Und das 3:0 gegen Italien hat ja gezeigt, wie heiß wir waren.

Sie sind Deutscher Vizemeister, Vize-Europameister, haben mit Dortmund ein UEFA-Pokal-Finale gespielt. Ist die Bronzemedaille in Seoul trotzdem DAS sportliche Highlight Ihrer Karriere?

Absolut. Sowohl sportlich, als auch das Erlebnis. Meine letzte Erinnerung ist, wie ich bei der Siegerehrung auf dem Treppchen stand und die Hymne der Sowjetunion hörte, die damals Gold gewann. Da lief es mir eiskalt den Rücken herunter, obwohl es gar nicht unsere Hymne war. Trotzdem habe ich meine Bronzemedaille voller Stolz getragen.

Würden Sie jungen Spielern heute noch zu diesem speziellen Turnier raten oder stört das mittlerweile zu sehr in der Vorbereitung beim Klub?

Die Belastung ist sicher viel größer als früher. Das muss jeder Spieler für sich entscheiden. Als Spieler in einem Top-Klub kann es hinderlich sein, für andere wiederum kann es auch ein Sprungbrett sein. Das Erlebnis an sich ist aber unvergleichlich.

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