Nico Patschinski, 1. FC St. Pauli, 2002

St. Paulis Sieg gegen
Bayern: „Auf meinem Grabstein wird Weltpokalsiegerbesieger stehen“

St. Paulis Sieg gegen
Bayern: „Auf meinem Grabstein wird Weltpokalsiegerbesieger stehen“

Eigentlich sprach alles gegen sie: Tabellenletzter, praktisch schon abgestiegen und nun auch noch der Weltpokalsieger zu Gast. Doch am 6. Februar 2002 war plötzlich alles anders. Der FC St. Pauli gewann an diesem kalten Mittwochabend des 21. Spieltags gegen den großen FC Bayern mit 2:1, wurde zum Weltpokalsiegerbesieger.

Torschütze zum 2:0 war Nico Patschinski. Der Stürmer war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Doch nach dem Bayern-Triumph ging es bergab, in fünf Jahren stieg er mit drei Klubs viermal ab. Hinzu kamen einige fragwürdige finanzielle Entscheidungen. Das große Geld der Profifußballkarriere war weg, Patschinski brauchte nach seiner aktiven Zeit einen richtigen Job. Dabei probierte er viel aus, vom Paketboten bis zum Bestatter. Seit rund vier Jahren arbeitet er mittlerweile in Hamburg als Busfahrer und sagt: „Ich bin mit mir im Reinen.“

Im Interview spricht Patschinski über Zigarettenpausen in der Halbzeit, verzocktes Geld und wie Oliver Kahns Bananen schmeckten.

 

Herr Patschinski, Sie haben Ihren Busführerschein ausgerechnet am 6. Februar gemacht. Dieser Tag lässt Sie nicht los …

Als der Prüfungstermin kam, habe ich gleich gedacht: Dann kann ja nichts schiefgehen. Vielleicht sollte ich an einem 6. Februar mal Lotto spielen. (lacht)

Der 6. Februar 2002 war ein Mittwochabend, schmuddeliges Wetter, Flutlicht und Sie mit St. Pauli als Tabellenletzter krasser Außenseiter gegen die Bayern. Mit welcher Erwartungshaltung sind Sie in das Spiel gegangen?

Am Abend vorher hatte Cottbus überraschend gegen Hertha gewonnen, wodurch der Abstand aufs rettende Ufer noch größer wurde. Wir saßen im Hotel zusammen und haben uns gesagt: Alles oder nichts, wir haben nichts zu verlieren. Da haben wir uns eingeschworen. Auf dem Weg zum Stadion hat es auch mehr gekribbelt als sonst. Die Atmosphäre war speziell.

Sie sind um Worte nicht verlegen, gab es auf dem Feld auch Sprüche für die Bayern-Stars?

Das Spiel war so anstrengend, dass ich schon manchmal meine Oma mit Elvis habe tanzen sehen. Für Trash Talk war keine Energie, ich war mit Luft holen genug beschäftigt. Ich habe das Holger Stanislawski überlassen.

Ihr Team spielte eine überragende erste Halbzeit, war aber auch sehr zweikampfbetont. Wollten Sie die Bayern durch harte Attacken früh einschüchtern?

Wir waren fußballerisch sicher keine Raketen, deswegen hatten wir kaum eine andere Chance, als mit purer Leidenschaft dagegenzuhalten. Für mich war es die intensivste erste Halbzeit, die ich je gespielt habe.

Bei aller Körperlichkeit war St. Pauli auch spielerisch überlegen. Ab wann haben Sie gemerkt: Hoppla, hier geht ja heute was?

Spätestens nach dem 1:0. Das Tor von Thomas Meggle hat gezeigt, dass wir auch Fußball spielen konnten. Wie er sich da um Bayern-Verteidiger Robert Kovač dreht, war einfach nur sensationell. Dabei nannten wir Thomas wegen seiner Unbeweglichkeit eigentlich nur den Mann ohne Hüfte.

Drei Minuten nach der Führung folgte in der 33. Minute Ihr großer Auftritt. Eine Ecke verlängerte Marcel Rath auf den zweiten Pfosten und Sie mussten nur noch einschieben. War es so leicht, wie es aussah?

Marcel Rath sollte wegen seiner Glatze zum ersten Pfosten gehen und den Ball per Kopf abrutschen lassen. Kein Scherz, das war echt eine Überlegung des Trainers. Ich hatte Glück, dass mir der Ball direkt vor die Füße fiel. Ich erinnere mich nur noch, dass ich ihn unbedingt mit der Innenseite treffen wollte, das hat ganz gut geklappt.

Nach dem Tor rannten Sie über den halben Platz, um sich auf den Platz Ihres Trainers Dietmar Demuth zu setzen. Warum?

Wir hatten vor dem Spiel um 100 Euro gewettet, dass ich treffe. Da habe ich mich auf seinen Stuhl gesetzt und gesagt: Ich habe jetzt Feierabend und will meine Kohle. (lacht) Aber nach so einem Tor weißt du erst mal gar nicht, wo du hinlaufen sollst vor Glück. Ich wäre auch bis zu meinen Eltern nach Berlin-Hohenschönhausen gerannt.

Sie schossen Ihr Tor gegen Oliver Kahn, damals aktueller Welttorhüter. Hatte das eine besondere Bedeutung für Sie?

Von einem Tor gegen Oliver Kahn erzählt man seinen Kindern. Auf meinem Grabstein wird auch nicht mein Name stehen, sondern nur: Hier liegt der Weltpokalsiegerbesieger.

 

Nico Patschinski
Nico Patschinski machte zwischen 2000 und 2003 für den FC St. Pauli 28
Erstliga und 47 Zweitligaspiele, heute lebt er in Hamburg und arbeitet
als Busfahrer.

 

Gegen Kahn sind damals bei Auswärtsspielen regelmäßig Bananen aufs Feld geflogen. Auch in Hamburg. Es gibt ein legendäres Foto, auf dem Sie eine dieser Bananen essen. Gab es vor dem Spiel nicht genug Nervennahrung?

Das Foto ist erst nach dem Spiel entstanden, als wir die Ehrenrunde drehten. Und nachdem ich mir 90 Minuten die Seele aus dem Leib gerannt hatte, war ich einfach ein wenig hungrig.

Mit 2:0 ging es in die Kabine. Wie war die Stimmung?

Trotz der Führung waren wir schon fast unzufrieden, weil wir auch 4:0 hätten führen können. In der Pause haben Holger Stanislawski und ich erst mal eine geraucht, um etwas runterzukommen.

Geraucht? Und das als Profisportler?

Naja, ich war kein starker Raucher, habe vielleicht acht bis zehn Zigaretten am Tag geraucht. Das ging schon einigermaßen.

Nach 70 Minuten war Ihr Team trotzdem konditionell am Ende und es begann das große Mauern und Zittern.

Wir hatten sogar noch einige gute Konterchancen. Zum Ende hin lief ich als Stürmer nur noch wie auf Autopilot zwischen den Verteidigern hin und her, um zu stören. Und ab der 85. Minute guckst du alle zehn Sekunden auf die Uhr.

Und dann traf Willy Sagnol in der 87. Minute noch zum 2:1-Anschlusstor.

Danach wurde es unerträglich lang. Schiedsrichter Helmut Krug war schon richtig genervt, weil wir so häufig nach dem Abpfiff fragten. Als es dann endlich zu Ende war, konnte ich mich aber gar nicht so richtig freuen, weil ich so kaputt war. Danach lief im Stadion das Lied „Wunder gibt es immer wieder“ von Katja Ebstein – und wenn du dann in die Gesichter der Leute guckst, dann merkt du, dass das ein Tag für die Ewigkeit ist.

Nach dem Spiel vermarktete St. Pauli den Sieg geschickt, das Weltpokalsiegerbesieger-T-Shirt verkaufte sich hunderttausendfach und half dem finanziell schwer angeschlagenen Klub enorm. Haben Sie Ihr T-Shirt noch?

Thomas Meggle und ich bekamen als Torschützen den ersten Druck, das habe ich heute noch. Danach habe ich auch einige gekauft, um sie in der Familie zu verschenken. Die Idee war überragend, der Slogan ist quasi eine eigene Marke geworden.

Trotz des Sieges gegen die Bayern stieg St. Pauli letztlich abgeschlagen ab. Und wurde in der Saison danach in die 3. Liga durchgereicht. Auch Ihr Abschied lief nach dem erneuten Abstieg nicht sonderlich herzlich – warum?

Der Klub entließ nach zwei Spieltagen sehr überhastet Dietmar Demuth, das bringt natürlich Unruhe rein. Im Winter kam mit Franz Gerber wieder ein neuer Trainer, mit dem ich überhaupt nicht klarkam. Ich habe ein paar Dinge kritisch hinterfragt. Das wurde nicht gerne gesehen, weshalb ich danach praktisch keine Rolle mehr spielte.

Danach ging es nach Trier und nach Ahlen, auch mit diesen beiden Klubs stiegen Sie ab. In fünf Jahren waren Sie mit drei Klubs viermal abgestiegen. Auch privat sorgten Sie für Schlagzeilen, gerade finanziell. Wo ist das viele Geld eines Profifußballers geblieben?

Ich habe damals sicher nicht schlecht verdient, aber es ist auch kein Vergleich mit den Summen heute. Auf der einen Seite habe ich viel Geld langfristig in Immobilien investiert, leider nicht immer gewinnbringend. Aber wahr ist auch, dass ich relativ viel Geld in Kasinos gelassen habe.

Was hat Sie seinerzeit so am Glücksspiel gereizt?

Auf der einen Seite half es, die Langeweile zu bekämpfen, das waren meistens gesellige und lustige Runden im Casino. Zudem hat es für einen Adrenalinkick gesorgt. Ich bin meist mit 1.000 D-Mark reingegangen, habe davon 900 Mark beim Blackjack eingesetzt. Am Ende habe ich es entweder verdoppelt oder ich hatte zumindest noch 100 D-Mark fürs Taxi und Getränke.

Sie waren talentiert, ärgert es Sie rückblickend manchmal, dass es nicht zu mehr gereicht hat?

Manchmal frage ich mich schon, ob ich den einen oder anderen Karriereschritt vielleicht hätte anders gehen sollen. Aber das lag auch nicht immer in meiner Macht, ärgern tue ich mich also nicht.

Nach Ihrem Karriereende haben Sie viele Jobs ausprobiert. Von Catering-Mitarbeiter über Paketbote bis zum Bestatter. Was hat Ihnen am besten gefallen?

In meiner Zeit als Caterer musste ich bei Events Stars wie André Rieu oder Helene Fischer Wasser bringen, das hat schon Spaß gemacht. Bestatter hat mich auch total erfüllt, weil man Menschen durch eine schwierige Phase hilft. Und jetzt bin ich komplett glücklich als Busfahrer und mit mir im Reinen.

Was ist das Faszinierende am Busfahren für Sie?

Ich fand es schon immer spannend, wie man so ein großes Gefährt lenkt. Ich habe im Bus das Sagen und kann praktisch mein eigener Chef sein. Noch habe ich es nicht bereut.

Jetzt fahren Sie Linienbus. Wie sähe es denn mit einem Mannschaftsbus aus?

Das ist ein komplett anderes Fahren als mit einem Linienbus. Ab und zu flachse ich mit dem HSV-Busfahrer und habe ihm gesagt, wenn er aufhört, soll er mir Bescheid sagen. Auch wenn die Klubs da meist gut aufgestellt sind, aber das wäre wohl das Einzige, wofür ich meinen jetzigen Job eintauschen würde.

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